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Welche Zukunft für Europa?

Plenarsitzung zur Eröffnung der Sommeruniversität

Moderator: Daniel Cohn-Bendit (Ko-Vorsitzender Die Grünen/EFA)

Teilnehmer:
Gesine Schwan (Präsidentin der Europa-Universität Viadrina)
Claus Leggewie (deutscher Politikwissenschaftler)
Sylvie Goulard (Vorsitzende Europäische Bewegung Frankreich)
Adam Krzeminski (polnischer Journalist und Publizist)

Zur Auftakt der Sommeruniversität der Grünen in Frankfurt/Oder ergriffen ausnahmsweise einmal nicht die grünen Parlamentarier selbst das Wort. Gesine Schwan, Claus Leggewie, Sylvie Goulard und Adam Krzeminski öffneten eine Debatte, die zu häufig von der Politik für die Politik geführt wird. In dem gut gefüllten Hörsaal der Europa-Universität Viadrina diskutierten sie ihre Vorstellungen über eine Zukunft für Europa.

Gräben im vereinigten Europa

Das irische Referendum ist nur ein Ereignis in einer langen Kette, das das Gefühl entstehen lässt, Europa stehe auf seinem Weg in die Zukunft am Scheideweg. Alte Legitimationsmuster verlieren an Bedeutung, darunter auch eines der stärksten: Wie kann die Bedeutung Europas als Friedensmacht an eine Generation vermittelt werden, die den Krieg selbst nie erlebt hat?

Eine Zukunft für Europa ist nicht selbstverständlich. Die Gräben sind vielfältig, „die Beziehungen sind brüchig“, so Daniel Cohn-Bendit. Die vielbeschworene Einheit Europas kennt viele Ausnahmen. Claus Leggewie identifizierte „drei Fremde“ in Europa: Muslime, die Ukraine und die USA. Gesine Schwan nannte zusätzlich die Türkei und Russland. Verschiedene Gründe treffen sich in der Abgrenzung gegenüber diesen Ländern und Gruppen: Unterschiede in den Wertvorstellungen, Interessen- und Machtkonflikte, Erweiterungsmüdigkeit. Schwerwiegender ist aber die große Distanz, die bereits zwischen den Mitgliedstaaten besteht. Gerade zwischen alten und neuen Mitgliedstaaten: „Die Westeuropäer haben in ihrem Bewusstsein die EU noch immer nicht osterweitert“, so Adam Krzeminski, „der EU-Raum ist zweigeteilt im Bewusstsein der Westeuropäer“.

Diese Gräben gilt es zu überbrücken, um eine Zukunft für Europa möglich zu machen. Auf vier Schwerpunkte richteten die Podiumsteilnehmer ihre Vorstellungen: die Europäisierung der politischen Klasse, Demokratisierung und Zivilgesellschaft, selbstbewusste Machtpolitik der EU und auf die Vision des guten Lebens.

Europäisierung der politischen Klasse

Vielleicht ist es der Auswahl der Sprecher zu verdanken, dass einmal nicht der undankbare Bürger im Mittelpunkt steht, der ach so unverständig gegenüber den Wohltaten der EU ist. Vielmehr lag das Augenmerk auf den Politikern selbst. Allzu oft treffen sie in Brüssel Entscheidungen, gegen die sie, zurück in ihren Heimatländern, polemisieren. Gebraucht wird eine „europäisch denkende Klasse in Brüssel und in den europäischen Hauptstädten“, so Leggewie. Sylvie Goulard resümierte: Europa ist ohne den Preis des Souveränitätstransfers nicht möglich, das muss die politische Klasse akzeptieren.

Demokratisierung und Zivilgesellschaft

Aber auch der Bürger stand im Mittelpunkt: Gesucht wurde nach der vielbeschworenen europäischen Identität, nach einer Identifikation mit Europa. Wie kann dies erreicht werden? Da geht es zum einen um die Vernetzung der europäischen Bürgerschaften untereinander. Schwan berichtete aus ihrem reichen Erfahrungsschatz deutsch-polnischer Zusammenarbeit in Frakfurt/Oder: „Man merkt diese Identifikation ganz deutlich in grenzüberschreitenden Projekten, das ist gelebtes Europa.“ Goulard legte einen Schwerpunkt auf Mobilität, wie studentischen Austausch, die Schaffung eines Wir-Gefühls. Und der Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis? Das Sprachenlernen. Denn, so Krzeminski, die Sprache schafft einen inneren Dolmetscher, der hilft, andere Wertvorstellungen zu internalisieren. Deshalb sollten auch die Bildungssysteme europäischer ausgerichtet werden.

Diese Schaffung einer europäischen Zivilgesellschaft muss befördert werden durch eine stärkere Demokratisierung der EU über direkte Demokratie. Was die Grünen schon seit langem fordern, wurde von den Podiumsteilnehmern für gut befunden: transnationale Abstimmungen über die Verträge, europäische Listen für die Wahlen, europäisch geführte Debatten.

Selbstbewusst Machtpolitik betreiben

Die Europäisierung der politischen Klasse und der Bürger bildet die Grundlage der EU, ihren Nährboden. Gleichzeitig muss die EU interessenfundierte Machtpolitik betreiben, so Leggewie. Ohne Feindbilder aufzubauen, aber selbstbewusst im Auftreten muss sie ihre Interessen vertreten. Besonders wichtig erachtete er eine klare Position gegenüber Russland: „Wir leben unter einem neo-imperialen Druck aus Russland. Wir brauchen eine klare antiautoritäre Position gegen dieses autokratische System.“ Dies ist schon deshalb geboten, um nicht bei den osteuropäischen Mitgliedern den Eindruck entstehen zu lassen, dass man diese in einer Situation der Bedrohung hängen lässt. Ein Machtverständnis also als „Macht des Zusammenführens“, so Schwan.

Die Vision des guten gelungenen Lebens

Und was steht am Ziel? Worauf soll sich die Machtpolitik Europas richten? Goulard hält es für unausweichlich, Interessen wieder neu zu definieren. Es habe nie eine wirkliche Diskussion mit den neuen Mitgliedern stattgefunden, über deren Vorstellungen von Sozialpolitik oder Wirtschaftspolitik.  Leggewie mahnt die Grünen an, zu ihrem Kerngeschäft zurück zu kommen: Klimawandel und Energie: „Diese Fragen können nur europäisch gelöst werden und dafür müsste das neue Europa stehen.“ Und Schwan ergänzt: „Europa muss verbunden werden mit der Vorstellung eines guten gelungenen Lebens.“ So erhält der oft mahnende Zeigefinger der Grünen eine positive Vision: „So können die Grünen aus ihrer Perspektive des Verzichts aussteigen“, meint Leggewie. Europa für ein gutes, gelungenes Leben.

Von Bali über Poznan nach Kopenhagen

Copyright : Christine Balderas

Plenum zum Klimawandel

Moderation:
Rebecca Harms, stellvertretende Vorsitzende der Fraktion Die Grünen/EFA
Teilnehmer:
Sivan Kartha, Professor für Umweltpolitik am Stockholm Umweltinstitut, USA
Oras Tynkkynen, Grünes Mitglied des Finnischen Parlaments
Satu Hassi, Mitglied des Europäischen Parlaments
Claude Turmes, Mitglied des Europäischen Parlaments

Die Grüne Abgeordnete Rebecca Harms leitete die Plenarsitzung am Samstag Morgen, die der dringlichen Frage des Klimawandels gewidmet war. Auf welcher Basis können sich Europa und der Rest der Welt einigen, um kollektiv zu handeln? Was sind die Folge für uns als Individuen?

Sivan Kartha ist Koordinator des Klimaprogramms des in den USA ansässigen Stockholm Umweltinstitut (SEI). Er unterstrich, dass kohlestoffbasierter Wachstum nicht länger eine Option darstelle – weder für uns, noch für die Menschen des Südens. Die Klimakrise ist zwar ein globales Problem, aber Entwicklungsländer müssen die zusätzliche Bürde tragen, grundlegende Lebensstandards für ihre Bevölkerungen bereitzustellen. Der entwickelte Norden muss nicht nur im Bereich der eigenen Emissionen handeln, sondern auch den entwickelnden Süden mit technologischer und finanzieller Hilfe unterstützen.

Dr. Kartha präsentierte das Konzept der “Verantwortung (responsibility), die auf Kapazität (capacity) beruht“, das diejenigen, die weniger als 20 US-Dollar pro Tag verdienen von gleicher Verantwortung ausnimmt. Die Bedeutung von Chinas und Indiens wachsender Mittelklasse werde nach seiner Einschätzung in einigen Debatten überschätzt. Er wies darauf hin, dass dieser Ansatz „das Recht aller Länder auf Entwicklung gewährleisten würde.“ Die EU repräsentiert mit 6,6 Prozent Anteil an der Weltbevölkerung ein Viertel der globalen „Kapazität“. Wenn wir unsere eigene Verantwortlichkeit verfehlen, unterstrich Dr. Kartha, würden wir die Last anderer erhöhen.

Lesen Sie den SEI Bericht „Das Rech auf Entwicklung in einer vom Klima beschränkten Welt“ unter www.ecoequity.org/GDRs (in Englisch).

Oras Tynkkynen, Grünes Mitglied des Finnischen Parlaments, erläuterte, dass ein internationales Abkommen über den Klimawandel fair, flexibel und kosteneffizient sein müsse. Er unterstrich: „Der Schlüsselpunkt ist Geld“ und fügte an, dass geschätzte 25 bis 50 Milliarden US-Dollar pro Jahr notwendig seien, um den Klimawandel in der entwickelnden Welt anzugehen. Er wies in diesem Zusammenhang auf die Einkünfte aus dem Emissionshandelssystem hin sowie auf einen norwegischen Vorschlag für ein Auktionssystem.

Herr Tynkkynen fügte hinzu, dass die EU die Führung übernehmen solle, um zu zeigen, dass ihr ernsthaft an gegenwärtigen und zukünftigen Verbindlichkeiten gelegen sei. Da nicht alle EU-Länder die gleiche Bereitschaft zeigen, ist die Position der Gemeinschaft in internationalen Diskussionen geschwächt. Aber individuelle Verpflichtung bewirkt noch immer am meisten: „Jeder sollte sein bestes tun, um den Klimawandel zu stoppen.“

Satu Hassi, Grüne Abgeordnete und Berichterstatterin zum Klimapaket, stellte fest, dass eine wirklich globale Aktion unerlässlich ist. Auch wenn die Entwicklungsländer historisch nicht für den Klimawandel zur Verantwortung gezogen werden können, müssen auch sie Teil dieser Lösung sein.

Europa kann ein Beispiel setzen. In den vergangenen Jahren hat sich die EU-Ökonomie gut entwickelt, während die Emissionen kontrolliert wurden. Emissionshandel wird nun überall auf der Welt angegangen. Beide US-Präsidentschaftskandidaten haben ein solches Schema Programm auf föderaler Ebene gefordert.

Claude Turmes ist Berichterstatter der Europäischen Parlaments für die Direktive für Erneuerbare Energien, die auf einen 20-Prozent-Anteil von Erneuerbaren Energien am Energiemix abzielt. Auch wenn dieser Vorschlag innerhalb des Parlaments nicht in Frage gestellt wird, bestehen Schwierigkeiten, das 10-Prozent-Ziel für Biotreibstoffe zu reduzieren. Die Grünen empfehlen eine Vorgabe von 4 Prozent, die 2015 nochmals überprüft werden soll. Ein dänischer Vorschlag zieht elektrische Autos in dieser Hinsicht in die Betrachtung ein.

Herr Turmes unterstrich, dass die Grüne Sommeruniversität in einem weltweiten anerkannten Zentrum von Solarzellen Photovoltaik-Produktion stattfindet. Dieser wirtschaftliche Erfolg hat ein politische Schlagkraft in der Region für Erneuerbare Energien erzeugt. Und überall in Europa sind die großen Energiekonzerne nun verpflichtet, Erneuerbare Energie zu berücksichtigen. Der Schlüssel zur Zukunft? „Wir müssen eine Agenda präsentieren, die für die europäischen Bürger verständlich ist.“

Abschluss mit Freude

Im Resümee der Sitzung teilten die Sprecher die Meinung, dass die Bekämpfung des Klimawandels zwar einige Einschränkungen und Opfer bedeuten könne, diese aber nicht notwendig zu Lasten unseres Wohlbefindens gehen. Wie Satu Hassi anmerkte, lägen Politiker falsch, wenn sie meinen, dass mehr Konsum größere Freude bedeute. Unterwürfiger Konsum – „der religiöse Fundamentalismus des freien kapitalistischen Marktes“ in den Worten von Sivan Kartha – ist kein Ersatz für einen positiven und nachhaltigen Lebensstil.

Soziales Europa in einer globalisierten Welt

Copyright : Brandon Laufenberg

Plenardebatte

Moderation: Jean Lambert, MdEP Die Grünen/EFA

Redner:
Tarja Cronberg, Finnische Arbeitsministerin
T. Sarath Fernando, Nichtregierungsorganisation Monlar, Sri Lanka
Frank Bsirske, Vorsitzender ver.di, Gewerkschaft

Am Samstag Nachmittag stand die soziale Frage im Mittelpunkt der Sommeruniversität. Wie kann Europa soziale Standards für ihre Bürger bewaren? Welche Zukunftschancen besitzen die europäischen Sozialsysteme? Und wie muss sich ein soziales Europa in der globalisierten Welt positionieren? Durch die Auswahl der Sprecher mit sehr verschiedenen Hintergründen wurde in der Debatte ein breiter Bogen aufgespannt: Neben der Analyse der Sozialpolitik auf globaler, europäischer und nationaler Ebene wurden auch versucht, die unterschiedlichen Bedingungen für soziale Politik im entwickelten Norden und sich entwickelndem Süden zu betrachten.

Tarja Cronberg, die finnische Arbeitsministerin, berichtete über ihre Erfahrungen aus den europäischen Ministerratsverhandlungen. Grundsätzlich, so merkte sie an, stellte man bei einer Betrachtung des sozialen Europas meist nur fest, wie unsozial es eigentlich sei. Größtes Problem seien die großen nationalen Unterschiede in den Arbeitsmärkten, aber auch bei den Prinzipien von Flexibilität und Sicherheit in der aktuellen Flexicurity-Debatte. So konnte Großbritannien kürzlich einen opt-out-Mechanismus aus der Arbeitsmarktdirektive aushandeln: Statt einer 48-Stunden-Woche sind nun Arbeitswochen von bis zu 60-Stunden möglich. Generell resümierte Cronberg: „Im sozialen Europa geht in die falsche Richtung, was gerade im Rat abläuft.“ Meist sei nur der kleinste gemeinsame Nenner möglich. „Wir müssen konkreter sein, deswegen brauchen wir auch mehr Grüne.“

T. Sarath Fernando, Vertreter der Nichtregierungsorganisation Monlar aus Sri Lanka, schilderte die schwierigen Bedingungen für soziale Sicherung vor dem Hintergrund eines Entwicklungslandes. Für die Menschen der Länder des Südens müsse erst einmal das grundsätzliche Überleben gesichert werden. Demnach forderte er: „Ein sozial verantwortliches Europa muss für die ganze Welt verantwortlich sein.“ Der Fehler liege im kapitalistischen System selbst, das die Menschen versklave und zu destruktiver Anhäufung von Kapital führe (Anhäufung wessen?). Klimawandel, Umweltverschmutzung und steigende Lebensmittelpreise machen augenscheinlich, dass es nicht mehr so wie gehabt weiterlaufen könne: „Uns allen wird die Bedrohung klar, unser nacktes Leben ist bedroht. Wir müssen im ersten Schritt von den Zwängen des kapitalistischen Systems befreien.“ Für die Menschen des Südens liege die Hoffnung in der ökologisch nachhaltigen Landwirtschaft – außerhalb des Marktes: „Die Armen werden sonst nicht überleben, die Natur wird nicht überleben.“ Fernando schloss seine Betrachtungen mit einem moralischen Appell: „Ein soziales Europa ist unmöglich, wenn man erkennt, wie versklavt die Menschen sind.“

Frank Bsirske, Vorsitzender der deutschen Gewerkschaft ver.di, versuchte den Bogen zur nationalen und europäischen Debatte zu schließen. Er schloss sich Fernandos Betrachtungen an, indem er die „Kultur der Maßlosigkeit“ und das „destruktive Wirtschaften“ anprangerte. Sicherlich handele es sich bei der Frage nach Sozialstandards innerhalb Europas um eine luxuriöse Debatte verglichen mit der Situation der Menschen im Süden. Aber dennoch erscheint vielen die Situation in Europa vorbildlich. Auch länderübergreifend gebe es viele Gemeinsamkeiten: die Sozialversicherungen, öffentliche Güter und soziale Infrastruktur oder Gewerkschaften. Noch. Denn auch hier seien die Grundlagen des sozialen Europas bedroht. Er verurteilte vor allem das Viking-Urteil des Europäischen Gerichtshofs aufs Schärfste. In diesem Urteil heißt es, dass Grundrechte, wie die Versammlungs- und Meinungsfreiheit mit dem Schutz des Warenverkehrs und der Dienstleistungsfreiheit in Einklang zu bringen seien. Hier droht ein Sieg der unternehmerischen Freiheit über grundlegendste Rechte, die „Kernnormen unserer Verfassung“. Europa gilt aber bisher vielen weltweit als vorbildlich, weil hier eine Zivilisierung von Globalisierung stattfinde: „Das müssen wir verteidigen.“

"Ein neues Europa - wir können es bauen!"

Copyright : Duncan Walker

Abschlussplenum

Moderation: Albert Eckert, PR- und Politikberater, ehemaliger Leiter der Öffentlichkeitsarbeit Heinrich-Böll-Stifung und stellvertretender Sprecher der Berliner Landesregierung

Philippe Lamberts, Ko-Sprecher der Europäischen Grünen Parteien
Déirdre de Búrca, Irische Grüne Senatorin
Monica Frassoni, Ko-Vorsitzende der Fraktion Die Grünen/EFA
Pierre Jonckheer, MEP, Vizepräsident der Grünen/EFA, Ko-Präsident des European Green Institute
Reinhard Bütikofer, Ko-Vorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen

Was also können die Grünen beitragen zur Zukunft Europas, wie das neue Europa aufbauen? Nach drei Tagen an politischen Debatten, kultureller Inspiration und Ideen von Teilnehmern aus ganz Europa wurde Resümee gezogen – nicht zuletzt im Hinblick auf die kommende Europawahl.

Green Future Team: „Wie können wir die Menschen erreichen?“

Die Sommeruniversität stand für ein grundsätzliches Öffnen der politischen Debatte – aus der Politik in die Gesellschaft, Kunst und Wissenschaft. Dementsprechend erhielt zunächst das Green Future Team das Wort – eine im Vorfeld ausgewählte Gruppe von 15 jungen Europäern, die die Gelegenheit erhielten, kritischen Input und frische Ideen in die Diskussion einzubringen. Das Grundproblem der Grünen brachten sie auf die einfache Formel: „Die Grünen haben gute Ideen. Aber wie können wir die Menschen erreichen?“ In ihren Antworten ging es ihnen vor allem um die Kommunikation und das Kommunikationsverhalten der Grünen. Das heißt: verständlichere Sprache, mehr Öffnung zur Außenwelt und positive Botschaften.

Haben andere die Führung in grünen Themen übernommen?

Grüne Ideen feiern aktuell Hochkonjunktur. Viele machen sich zu Vertretern traditionell grüner Themen, am deutlichsten beim Klimaschutz. Wurde den Grünen also die Führung abgenommen? Keineswegs, meinte Phillipe Lamberts. Dem Klimawandel kann nicht nur mit Technologieentwicklung begegnet werden. Wir brauchen einen grundlegenden Wandel des Lebensstils – für mehr Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit. Dazu braucht es Visionen. Und „Visionen haben die Grünen“. Pierre Jockheer stimmt dem zu: Europa darf nicht nur instrumentell gebraucht werden (à la Europa ist notwenig für grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Klimaschutz). Europa ist mehr: Europa schafft Rechte, Europa schafft Freiheiten: „Europa muss erfunden und entwickelt werden.“ Die Schwierigkeiten liegen jedoch nicht nur in der Prominenz und Instrumentalisierung grüner Ideen durch andere. Reinhard Bütikofer begann daher mit einer Innenschau: „Das Problem ist nicht, dass andere die Führung übernommen haben, sondern dass wir uns die Führung nicht zutrauen.“ Grüne Vorstellungen sind unerlässlich in allen Politikbereichen, in Wirtschaft, Sicherheit, Sozialpolitik. Um dem Klimawandel zu begegnen, muss die gesamte Gesellschaft transformiert werden. Das Ziel laute also: „Aufhören mit Ressortismus und Anspruch erheben, für die Mehrheit zu sprechen.“

Europa muss erfunden werden. Aber wofür steht Europa? Albert Eckert ließ einen Stein durch die Reihe der Sprecher reichen - symbolisch für die Bausteine Europas. Sie setzten: Solidarität, Demokratie, Zukunft, Konfrontation, Grün.

Wie können die Grünen überzeugen?

Wie können die Grünen diese Ziele erreichen, wie können sie die Menschen erreichen? Die aktive Ansprache von Menschen war eine Kernforderung von Bütikofer. Die Grünen müssten auf die Menschen zugehen und „nicht darauf warten, dass sie zu uns kommen“. Lambert forderte vor allem mehr Konsistenz ohne Populismus. Es geht um das Glaubwürdigkeitsproblem: Rund 30 Prozent könnten sich vorstellen, grün zu wählen. Die gelte es zu erreichen. Monica Frassoni resümierte, dass die Grünen als Grüne kultiviert werden müssten: Mehr Glaubwürdigkeit durch stetiges Fortbilden und konkrete politische Vorschläge.

Welche Partner sind wichtig für die Grünen?

Wie positionieren sich die Grünen also im kommenden Europawahlkampf? Welche generellen Partner und potenziellen Wählergruppen sollen sie ansprechen? Lamberts möchte keine Festlegung auf einen zu engen Kreis von Bündnispartnern. „Wir müssen in die Offensive gehen.“ Eine grundlegende Offenheit der Grünen dabei schließe auch die Wirtschaft ein. Diese bislang eher ungeliebten Partner hält Lamberts für unabdingbar. Jonckheer sprach sich dagegen für eine Zusammenarbeit mit Gewerkschaften aus. Dass die Grünen für soziale Kohäsion, für eine Stärkung von sozialen Rechten in der EU stehen, kann so unterstrichen werden. Frassoni forderte, die Redlichkeit anderer Parteien zu analysieren und öffentlich zu machen: Gern wäre sie davon überzeugt, dass diese von grünen Ideen „infiziert“ worden seien. Ihr Abstimmungsverhalten spreche aber häufig dagegen. Bütikofer benannte zwei weitere Gruppen: Zum einen gehe es darum, die Jungen zu mobilisieren. Zum anderen aber auch die 60- und mehr-jährigen: Sie haben die Europaidee getragen und hatten an der Gründungseuphorie anteil.

Wie können junge Menschen begeistert werden?

Auch bei den Grünen grassiert die Rede von der Überalterung der Partei. Wie können junge Menschen begeistert werden? Wie können sie bei Wahlen erreicht werden? Nach Bütikofers Auffassung sei die Friedensidee Europa „noch lange nicht abgefrühstückt“. Auch wenn die Jugend selbst keinen Krieg erlebt hat, es gibt genügend aktuelle Beispiele: Der Krieg auf dem Balkan oder in Georgien. Jonckheer empfahl, die steigende Autonomie und Freiheit in Europa zu betonen. Das mehr an individueller Gestaltungsmöglichkeit und die verschwindenden Grenzen. Nach Lamberts spiele vor allem die Freizügigkeit, überall da zu studieren, wo man möchte, eine große Rolle. Oder mit Frassonis Worten: Die Konzepte Frieden, Rechte und Freiheit werden niemals alt und können noch immer mobilisieren. Deidre forderte, an den Idealismus der jungen Menschen zu appellieren, an europäische Werte und an Inspiration. Die Botschaft: „Je mehr Grüne es gibt, desto mehr werden solche Werte verankert.“

Wie können Gräben überwunden werden und Europa vereint?

Ein europäischer Wahlkampf muss die Ländergrenzen zu überwinden suchen. Denn noch immer existieren tatsächliche oder ideelle Grenzen in Europa. Ein polnischer Teilnehmer erläuterte die Schwierigkeiten, nach Frankfurt/Oder zu reisen: Die polnische und die deutsche Seite sind kaum durch Verkehrsmittel verbunden. Selbst ein Jahr nach dem Beitritt Polens zu Schengen wusste ein polnischer Taxifahrer noch immer nicht, ob er legal mit seinem Taxi die Grenze überfahren dürfe. „Die ist ein klares Beispiel dafür“, sagte der Teilnehmer, „dass die Trennlinie in den Köpfen der Menschen und nicht nur auf den Landkarten besteht.“ Gerade Partnerschaften auf niedriger Ebene, so Bütikofer, könnten hier helfen. Oder Veranstaltungen wie die Sommeruniversität, durch die gesamteuropäische Debattenräume geschaffen werden.

In seiner Abschlussrede betonte Daniel Cohn-Bendit: Die Grünen sind die einzige wirklich europäische Partei: „Wenn wir von Europa reden, meinen wir Europa und wir wollen Europa aufbauen als europäische grüne Partei.“ Die Grünen müssen in der europäischen Wahlkampagne für Umwelt und Solidarität stehen, davon müssen die Menschen überzeugt werden: „Wir werden diese Chance ergreifen.“

Die Sommeruniversität ist zu Ende, die grüne Gemeinschaft lebt weiter. Registriert Euch bei der grünen Social Network Site: www.thegreensareunited.eu